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Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck. Sie ist eine Brücke, eine Beziehung und vor allem ein strategisches Tool, um Wirkung zu entfalten. Mit diesen Worten setzte das Event „Let’s Talk Visibility Female Founder Edition“ im Founders Home in der Bielefelder Altstadt ein klares Zeichen für Gründerinnen und Unternehmerinnen der Region. Der Abend zum Thema Female Visibility wurde organisiert von Maimuna Sillah (Founders Foundation) in Kooperation mit der Netzwerk-Expertin Janina Ostendorf (JULES). Er bot einen Mix aus emotionalen Keynotes, handfestem Expertenwissen in einer Masterclass und ehrlichen Einblicken im Founders Panel.
Mut beginnt im Kopf: Die Reise zur „Top Voice“
Den Auftakt machte Janina Ostendorf, weithin bekannt als „Jules“. In ihrer Keynote nahm sie das Publikum mit auf ihre persönliche Reise von „total lost“ am Kaffeewagen der Hinterland of Things 2022 bis zur Wahl als LinkedIn Top Voice 2025.
Ihre Kernbotschaft: Sichtbarkeit erfordert Mut. Jules berichtete offen von ihren eigenen Imposter-Syndrom-Momenten, etwa als sie sich nicht traute, Verena Pausder anzusprechen. Erst durch eine „Wingwoman“ – eine Unterstützerin an ihrer Seite – gelang der erste Schritt. Heute definiert sie ihren Erfolg über drei Säulen:
- Network as a Service: Externes Partnerschaftsmanagement.
- Network as a Skill: Strategisches Netzwerken als erlernbare Fähigkeit.
- Network as a Power: Die Kraft der Empfehlung und Talentvermittlung.
„Jede Frau, die sich gegen die Sichtbarkeit entscheidet, nimmt mindestens einer anderen Frau ein Vorbild“, zitierte Jules die Autorin Christina Richter. Dieser Appell an die Verantwortung als Role Model zog sich wie ein roter Faden durch den Abend. Jules ermutigte die Teilnehmerinnen, nicht an die kritische Stimme im Kopf zu glauben, sondern sich konsequent auf Best-Case-Szenarien zu fokussieren. Abschließend unterstrich sie, dass Sichtbarkeit reale, oft ungeahnte Chancen eröffnet – von Kooperationen mit Modemarken bis hin zu exklusiven Netzwerk-Zugängen. Ihr Erfolg als „Top Voice“ basiere nicht auf Zufall, sondern auf der Entscheidung, die eigene Komfortzone zu verlassen und über das Business zu sprechen, auch wenn die Website oder die Zertifizierung noch nicht perfekt sind. Jules’ Botschaft war klar: Wer schweigt, bleibt unsichtbar – wer sich zeigt, gestaltet die Zukunft aktiv mit.
Masterclass Personal Branding: „Du bist dein stärkstes Asset“
Nach dem emotionalen Warm-up lieferte Verena Bender, Personal Branding Coach und Host des Podcasts „Be Your Brand“, die handwerklichen Skills. Als ehemalige Journalistin und PR-Managerin kennt sie beide Seiten der Medaille.
Verena Bender räumte mit dem Vorurteil auf, dass Female Visibility nur laut sein müsse. In ihrer Masterclass präsentierte sie klare Strategien:
- Der 100-Millisekunden-Check: Studien belegen, dass wir innerhalb einer Zehntelsekunde entscheiden, ob wir jemanden für kompetent und vertrauenswürdig halten. Ein aktuelles, freundliches Profilbild mit direktem Blickkontakt ist daher unverzichtbar.
- KI mit Bedacht einsetzen: „80% der Leser schalten ab, wenn sie merken, dass ein Text eins zu eins von ChatGPT stammt.“ Verenas Tipp: Nutze KI für Entwürfe, aber bewahre Deine eigene Sprache – etwa durch das Transkribieren von Sprachnachrichten.
- 80/20-Regel beim Content: 80% der Beiträge sollten echten Mehrwert bieten oder Lösungen für die Schmerzpunkte der Zielgruppe aufzeigen. Nur 20% sollten „harter Verkauf“ sein.
- Themen-Fokus halten: Wer für alles steht, steht für nichts. Um als Expertin wahrgenommen zu werden, muss man sein Kernthema (z. B. Personal Branding oder Tech-Gründung) konsequent wiederholen.
- Offline abliefern, Online verlängern: Die digitale Präsenz ist der Türöffner, aber das Vertrauen wird in der realen Begegnung gefestigt.
Das Panel: Best Practices aus der Nische und dem Viral-Gehen
Unter der Moderation von Jules diskutierten drei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten über ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit:
- Johannes Mailänder (Gründer von Lichtwart): Als Deutschlands erster „Lichtfluencer“ bewies er, dass man auch mit einem B2B-Nischenthema wie LED-Technik 15.000 Follower auf LinkedIn erreichen kann. Sein Geheimnis? „Keep it short and simple“ und ein markantes Markenzeichen – seine leuchtende Brille.
- Sabrina Ahrens (Gründerin von KOHO): Sie teilte die bewegende Geschichte ihres „Relaunchs“ nach einer Insolvenz. Für sie war Sichtbarkeit in der Krise der Retter: Über ihr Netzwerk fand sie ihre neue Mitgründerin. Ihr Ansatz auf Instagram: Community über Performance.
- Emel Tumay (Gründerin von e-dress): Die Expertin für virale Hooks auf TikTok erklärte, wie sie in nur vier Wochen 1.000 Follower aufbaute. Ihr wichtigster Tipp für Kurzvideos: „Die ersten drei Sekunden entscheiden. Reden Sie nicht über sich, sondern über das Problem der Zuschauerinnen.“
Im Verlauf des Panels wurde schnell deutlich, dass Female Visibility ein essenzieller Motor für den Geschäftserfolg ist. Einigkeit herrschte vor allem darüber, dass man nicht erst auf Perfektion warten darf: Der Appell „Start before you are ready“ wurde von allen Teilnehmenden unterstützt, da sich der eigene Weg und die nötige Klarheit meist erst im Prozess des Gehens ergeben.
Ein zentraler Diskussionspunkt war die Überwindung innerer Hürden. Die Panelisten waren sich einig, dass gerade am Anfang die Angst vor negativen Kommentaren oder die Sorge, sich „selbst darzustellen“, oft unbegründet sind. Vielmehr gehe es darum, authentische Geschichten zu teilen und der Zielgruppe einen echten Mehrwert zu bieten, anstatt nur oberflächliche Erfolge zu präsentieren. Besonders Sabrina Ahrens unterstrich dabei, dass echte Sichtbarkeit auch bedeutet, in Krisenzeiten oder beim Scheitern präsent zu bleiben, da dies oft die tiefsten und wertvollsten Verbindungen im Netzwerk schafft.
Fazit: Sichtbarkeit ist eine Reise
Beim offenen Networking im Anschluss wurde deutlich, dass die theoretischen Impulse sofort in die Tat umgesetzt wurden: Es wurden Fotos gemacht, LinkedIn-QR-Codes gescannt und erste „Wingwoman“-Allianzen geschmiedet.
Der Abend „Let’s Talk Female Visibility“ macht deutlich, dass Personal Branding für Gründerinnen kein „Nice-to-have“ im Marketingplan ist, sondern eine unternehmerische Pflichtaufgabe. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen, bevor das erste Verkaufsgespräch stattfindet.
Die wichtigsten Takeaways für Sichtbarkeit:
- Einfach anfangen: „Start before you are ready.“
- Perfektionismus ist der Feind der Sichtbarkeit.
- Routinen schaffen: Nutze Tools wie WhatsApp-Gruppen mit dir selbst für Content-Ideen und plane feste Timeslots im Kalender ein.
- Mut zum Profil: Definiere in drei Sätzen: Wofür stehe ich? Woran arbeite ich? Warum sollte man mir folgen?
Sichtbarkeit ist eine Reise, die nie endet, weil sie mit der persönlichen Weiterentwicklung verknüpft ist.
Danke für diesen tollen Abend im Founders Home!
Event-Tipp: Am 1. April findet im Founders Home das Event People, Culture and Communication | Resilienz und People Management statt. Zwischen Startup-Mentalität und Unternehmensstruktur – wie entsteht Unternehmenskultur eigentlich wirklich? Wir freuen uns auf den Sportpsychologen Dr. Sebastian Altfeld, die Organisationspsychologin Rimma Pitkewitsch und den Gründer Marcel Banmann. Alle Infos gibt’s hier!