Laura Tönnies Hinterland2019

Laura Tönnies: “Die Gesellschaft muss sich rekalibrieren”

Laura Tönnies gehört mit ihrem Startup corrux zu den aufstrebenden B2B-Startups in Deutschland. Mit 25 Jahren disrupted sie die gesamte Baubranche! Warum die studierte Philosophin und Mathematikerin den Claim „Bagger-Flüsterin“ hat, wieso sie mit ihrem Startup nicht in die USA geht und weshalb sich Wirtschaft und Gesellschaft auf Grund der technologischen Entwicklung ständig „rekalibrieren“ müssen? Erfahrt ihr alles im Interview mit Laura!

Laura, das Handelsblatt bezeichnet dich als “die Bagger-Flüsterin”. Beschreibt das dich und corrux richtig?

Laura: Wir sind sehr fokussiert darauf, mit unseren Lösungen echten Mehrwert in dem Bau- und Infrastrukturbereich zu ermöglichen. Das setzt voraus, dass wir wissen, wie man Maschinen und Prozesse effizienter gestaltet und zugrundeliegende Ursachen versteht. Hier ist ein Feingefühl notwendig und Grundannahmen werden am einfachsten hinterfragt, wenn man nah am Geschehen – oder Bagger – ist. Auch wenn mit einem Augenzwinkern begleitet, passt das „Label“ daher gut!

Bevor wir weiter über dich und corrux sprechen – wie kommt man eigentlich dazu Mathematik und Philosophie zu studieren? Und dann darauf basierend ein Startup zu gründen…

Laura: Meine akademischen Vorlieben sind von reiner Neugierde geprägt. Mit Philosophie, als „Mutter aller Wissenschaft“, verbinde ich eine große Romantik, da man jedem Detail der gesetzten Dingen auf den Grund geht. Mathematik bietet, unter anderem, das notwendige Handwerkzeug um logische Schlüsse zu erreichen. Die Gründungsambition entsprang der Wissbegierde in Kombination mit dem Wunsch auch praktisch etwas „richtig“ umzusetzen.

Als was siehst du euch eigentlich – ein KI- oder IoT-Startup?

Laura: IoT, obwohl wir uns als Startup der Gattung Hard Tech verstehen. Wir haben es mit greifbarer Hardware zu tun – man denke Maschinen oder Bereiche in Industrieanlagen – und wickeln darum unsere Technologie – von anspruchsvoller Datenverarbeitung bis hin zu neuronalen Netzen auf Basis neuster Forschung.

Wie groß schätzt du das Potential von Technologie für unsere Gesellschaft insgesamt ein?

Laura: Das Ausmaß ist riesig. Unsere Gesellschaft verändert sich rasant und man muss gefühlt immer schneller „rekalibrieren“, um für sich eine richtige Bewertung darüber zu treffen, welche Technologien relevant sind. Gesellschaftlich stecken wir inmitten von wichtigen Denkaufgaben. Wenn wir uns anschauen, vor welchen Herausforderungen die industrielle Revolution den Arbeitsmarkt im 19. Jahrhundert gestellt hat, haben wir nun erneut viel Raum für Kreativität. Prozessaufbau in Fertigungslinien oder Montagebändern setzten große Weitsicht und Kreativität voraus, sodass man Arbeitsschritte in Einzelaufgaben herunterbrechen konnte, um spezifische Rollen für die richtige Besetzung zu kreieren. Ich glaube, dass wir mit neuen Technologien vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Gewisse Berufe werden durch Technologie wegrationalisiert aber ermöglichen in der jeweiligen Wertschöpfungslinie wieder Raum für neue Aufgaben. Neue Technologien schaffen bereits jetzt Chancen, in Berufsgruppen, welche stark von Nachwuchsproblemen betroffen sind. Die Lage bei technischen Ausbildungsberufen ist teilweise frappierend und digitale Technologien können den Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Generationen fördern. Es gilt jetzt wachsam zu sein, um alle Weichen in der digitalen Revolution richtig zu stellen.

Zurück zu corrux: Du bist 25 Jahre jung, weiblich und willst mit der Baubranche eine der tradiertesten Bereiche unserer Wirtschaft modernisieren und disrupten. Werden dir als Person oft Vorurteile entgegengebracht?

Laura: Vielleicht schon. Um ehrlich zu sein bin ich zu sehr darauf Bedacht, mit Kunden und dem Markt voranzukommen, ohne darüber nach zu denken, ob mein Gesprächspartner eventuell eine Bewertung gegenüber meinem Alter und Geschlechts trifft. Mich interessieren die Details unserer Domäne und so kommt man über mögliche Vorurteile in dem Gespräch schneller hinweg, wenn man fachlich auf einer Wellenlänge ist und dies eine Interaktion prägt.

Was denkst du, warum es so wenige weibliche Startup-Gründerinnen in Deutschland gibt?

Laura: Sicherlich gibt es weniger Startup-Gründerinnen, jedoch ist der Anteil an beruflich selbstständigen Frauen deutlich höher – mehr als ein Drittel aller Selbstständigen in Deutschland sind weiblich. Hierzu gehören viele Unternehmungen, welche nie in die Kategorie „Startup“ fallen und vielleicht sollte man daher „Success Stories“ von Frauen, welche Jahrzehnte lang selbstständig erfolgreich sind, stärker publik machen. Meiner Meinung nach hat es viel mit Visibilität zu tun.

Ein Blick über unsere Grenzen hinaus: Welches Potential siehst du in Deutschland für Startups? Könntet ihr in den USA oder China nicht viel schneller und unbürokratischer wachsen?

Laura: Unbürokratischer mit Sicherheit. Das ist ein Punkt, mit dem wir als deutsches B2B-Startup wirklich zu kämpfen haben. Ich würde mir wünschen, dass gerade große Unternehmen, mit höheren Innovationsbudgets, agiler wären und mit einem guten Vorbild für Klein- und Mittelständler vorangehen würden. Der deutsche Industriebereich bietet eine Mischung aus fundierter Expertise, Rapport und Stabilität – deswegen sehen wir hier großes Potenzial.

Was schätzt du am Standort Deutschland?

Laura: Wir verfügen über exzellente akademische Talente an unseren Universitäten und Ausbildungsstätten. Gleichermaßen genießen wir auch einen sicheren und hohen Lebensstandard, welcher Deutschland als Arbeitsmarkt für gute Talente aus aller Welt attraktiv macht.

Ihr seid mit über 3 Mio. Euro finanziert. Josef Brunner, CEO von relayr, zählt zu den Investoren. Was könnt ihr von einem der bekanntesten deutschen B2B-Startups lernen?

Laura: So einiges! Josef und das gesamte Team sind eine interessante Produkt- und Kundenevolution durchlaufen. Uns hat das gelehrt, fokussiert auf den Kundennutzen zu sein und schnell die eigenen Tech-Hypothesen am Markt zu erproben.

Was ist euer bislang größter Fehler gewesen, den sich künftige Gründer sparen können?

Laura: Zu glauben, dass wir manche Herausforderungen erst erfolgreich überwunden haben müssen, bevor wir sie mit unseren Mentoren und Investoren besprechen. Man sollte als Gründer oder früher Mitarbeiter in einem Startup sein Netzwerk, sofern von zuverlässigen Erfahrungswerten geprägt, mit in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Hier geht weniger darum, dass man selbst nicht entscheidungssicher ist, sondern vielmehr das zusätzliche Perspektiven den Sinn für kleinere Mängel schärfen können.

Laura Tönnies at Hinterland 2019: 3 IoT gamechangers (tado, relayr & corrux)